Page 8 - Als_ich_Leseprobe
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Geschehens in existenziellen Krisen: Rosalie ist vereinsamt nach dem Tod ih-
res Mannes, über den sie auch nach einem Dutzend Jahren noch nicht hinweg-
gekommen ist; Lilli ist unentschieden sowohl in ihrer Partnerschaft mit einem
untreuen Mann als auch im Willen, ihr Gesangsstudium fortzusetzen. Erst, als
sich die beiden Frauen gegenseitig beistehen und aus ihren jeweiligen Sack­
gassen helfen, finden sie den jeweiligen Ausweg.

   Doch Katja Klengels Comic ist noch viel mehr als eine herzerwärmende So-
lidarisierungs- und Selbstermächtigungsgeschichte zweier Frauen. Er ist auch
eine Liebeserklärung an die Heimatstadt der Zeichnerin, an Dresden. Da ich
selbst einige Jahre dort gelebt hatte, konnte ich dank der Dekors der Geschichte
auf Rückreise in die Stadt gehen: Die Akribie, mit der die Schauplätze gestaltet
sind, ist grandios. Und mit gleicher Genauigkeit ist der Dresdner Winter einge-
fangen, in dem der Großteil der Handlung angesiedelt ist – eine Jahreszeit, die
im Dresden-Tourismus keine Rolle spielt, die aber gerade darum ein Ambiente
bietet, in der die Stadt ganz bei sich ist. Dass überdies die Kälte des Winters
auch die persönlichen Situationen von Rosalie und Lilli spiegelt, versteht sich
von selbst.

   Beim Wiederlesen von „Als ich so alt war“ erlebte ich nun nach zehn Jahren
eine zweite Rückreise: in die Spannung, mit der ich 2012 den Fortgang dieser
Geschichte verfolgt hatte. Ich wusste seinerzeit nicht, worauf die Sache hinaus-
lief; vielleicht wusste Katja Klengel es zu Beginn der Arbeit daran selbst auch
nicht. Wenn dem so gewesen sein sollte, dann hat sie ihre Erzählung mit un-
glaublicher Bravour gerundet; der Schluss nach hundert Folgen gehört für mich
nach wie vor zu den bewegendsten und überraschendsten Erlebnissen meiner
Comiclektüren. Er dokumentiert eine Lebenssicht und -klugheit, die für eine
damals vierundzwanzigjährige Zeichnerin erstaunlich ist. Dass einige Züge
des Geschehens autobiographisch grundiert sind, merkt man diesem Comic an,
und Katja Klengel hat daraus auch nie ein Geheimnis gemacht.

   Nun ist dieses Meisterstück endlich wieder oder für viele wohl überhaupt
zum ersten Mal zu lesen. Mit „Girlsplaining“ hat Katja Klengel danach eine der
stilprägendsten Veröffentlichungen der jüngeren deutschsprachigen Comicge-
schichte geschaffen, Dresden mittlerweile längst den Rücken gekehrt und eine
eigene Familie gegründet. Dieser eigenständige Weg ist vorgezeichnet gewesen
in „Als ich so alt war“. Ästhetisch, inhaltlich und vor allem psychologisch. Wenn
etwas so zeitlos ist wie diese Erzählung, dann spielt der Zeitpunkt der Publika-
tion gar keine Rolle. Aber Katja Klengel spielt eine sehr wichtige in der Comic-
szene, und das wird hier aufs Eindrucksvollste belegt.

                                                                                       Andreas Platthaus
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