Page 7 - Als_ich_Leseprobe
P. 7

Manche Dinge brauchen Zeit. Bei diesem Buch waren es zehn Jahre.
              Denn Katja Klengel hat „Als ich so alt war“ bereits 2012 gezeichnet,
              als Fortsetzungscomic für die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“,
über fast ein halbes Jahr hinweg in hundert Folgen. Das war eine Tour de force
für eine Comiczeichnerin, die sich noch an keinem Projekt vergleichbaren Um-
fangs versucht hatte und einen Aufschub nicht erhoffen durfte, denn der für
Comics reservierte Platz im Feuilleton musste täglich pünktlich gefüllt werden.
Es gibt keine härtere Herausforderung in diesem Metier, und Katja Klengel hat
sie gemeistert. Sie steht damit in einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen wie
Volker Reiche, Flix, Kat Menschik, Ralf König, Ulf K., Nicolas Mahler oder Rein-
hard Kleist. Nur hatte sie im Gegensatz zu ihnen noch gar keine Routine.

    Wie kam sie dann zu diesem Auftrag? Durch einen Zufall, der sich Katja
Klengels Comicleidenschaft verdankt und noch einmal zehn Jahre weiter zu-
rückgeht, ins Jahr 2002, als ich im Sommersemester einen Lehrauftrag an der
Universität Jena zum Thema Comic hatte. Unter den Teilnehmern waren zwei
damals vierzehnjährige Freundinnen, die natürlich gar nicht eingeschrieben
waren, sondern aus Begeisterung fürs Zeichnen dazugestoßen waren: Olivia
Vieweg und eben Katja Klengel. Als sie dann ihren Weg konsequent weitergin-
gen und ein paar Jahre später in Gera eine gemeinsame Ausstellung machten,
trafen wir uns das nächste Mal. Da wurde mir klar, dass diese beiden jungen
Frauen große Könnerinnen geworden waren. Olivia Vieweg gewann ich etwas
später für den Suhrkamp Verlag: mit ihrem Band „Huck Finn“ nach Mark Twain.
Und mit Katja Klengel vereinbarte ich die Serie „Als ich so alt war“ für meine
Redaktion. Beides sind frühe Meilensteine in ihrem jeweiligen Werk geworden.

    Warum hat es dann so lange gedauert, bis Katja Klengels Fortsetzungs­
geschichte gesammelt gedruckt wurde? Nun, ganz so lange hat es gar nicht ge-
dauert, denn auf etwas mehr als halber Strecke, 2018, kam sie bereits einmal als
französischsprachige Buchpublikation heraus: beim renommierten Casterman
Verlag unter dem Titel „Quand j’avais ton âge“. Manche deutschen Meisterwerke
müssen ihren Weg offenbar übers Ausland gehen, man denke nur an die ersten
Comics von Barbara Yelin, Jens Harder oder Mikael Ross. Für ihre französisch-
sprachige Ausgabe arrangierte Katja Klengel die ursprünglich als zeitungssei-
tenbreite Querstreifen angelegten Episoden zu einem quadratischen Seiten-
format um, was noch einmal immense Arbeit bedeutete, zumal sie manche
Panels als nicht mehr zeitgemäß empfand und deshalb neu zeichnete, außer-
dem auch manche zuvor textlastigen Passagen korrigierte. Doch die Geschichte
ist die alte geblieben: eine Familienerzählung über drei Generationen hinweg,
bei der die fast achtzigjährige Rosalie Kintzmann und deren Enkelin Lilli, eine
Mittzwanzigerin, die Hauptpersonen abgeben. Beide sind zum Zeitpunkt des
   2   3   4   5   6   7   8   9   10   11   12